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Alle haben die Chance, Gesicht gegen Rechts zu zeigen – Interview mit Versammlungsleiter Holger Platz

In wenigen Tagen startet die 8. Meile der Demokratie. Wieviel Arbeit hinter der Organisation steckt und wo sich erfahrungsgemäß die größten Probleme ergeben, weiß Holger Platz. Er ist Beigeordneter für Kommunales, Umwelt und allgemeine Verwaltung der Stadt Magdeburg und dort Hauptverantwortlicher für die Planung und Durchführung der Meile. Im Interview hat er uns verraten, was für ihn das diesjährige Programmhighlight ist und wie sich die Meile in den letzten Jahren entwickelt hat.

Sehr geehrter Herr Platz, bald startet die 8. Meile der Demokratie – Wie laufen die Vorbereitungen?

Die Vorbereitungen laufen gut. Bis jetzt liegen bereits 125 Anmeldungen [Stand 12.01.2016] von verschiedensten Akteuren vor. Besonders freue ich mich darüber, dass wieder viele junge Teilnehmer*innen dabei sein werden.

Auf was können sich die Besucher*innen in diesem Jahr besonders freuen?

Für die Besucher*innen wird wieder ein breit gefächertes Programm geboten. Einzelheiten hierzu finden Sie unter www.meile-der-demokratie.de.

Zum wievielten Mal sind Sie bei der Meile der Demokratie dabei? Wie hat sich die Meile aus Ihrer Perspektive entwickelt?

Ich selbst bin seit der ersten Meile nicht nur dabei, sondern einer der Initiatoren. Die erste Meile 2009 traf auf viel Skepsis. Mit einem großen Kraftakt gelang es trotzdem viele Akteure zu finden, so dass den Rechten die Innenstadt versagt blieb. Die Magdeburger Bevölkerung reagierte auf die erste Meile der Demokratie unerwartet positiv. Trotz Kälte kamen schon damals mehrere tausend Menschen. Seitdem ist das Konzept der Meile, die rechten Kräfte aus der Innenstadt zu verbannen, jedes Jahr aufgegangen. Wir verzeichnen jährlich wachsende Teilnehmerzahlen. Die Bürgerinnen und Bürger der Stadt nehmen die Möglichkeit wahr, durch ihren Besuch auf friedliche Art Gesicht gegen Rechts zu zeigen.

Welche besonderen Herausforderungen bieten sich bei der Meile und den Meilensteinen, die man bei vergleichbaren Veranstaltungen nicht findet?

Eine Herausforderung ist jedes Jahr wieder die doch sehr aufwendige Organisation. Zur Teilnahme an einer Lichterkette, einer Demonstration oder ähnlichen Aktionen reicht ein Aufruf, ein Plakat, eine Pressemitteilung. Die Meile verlangt da schon einiges mehr. Die Vorbereitung nimmt mehrere Wochen in Anspruch und verlangt von den vielen freiwilligen Akteuren viel Ausdauer, Engagement und Kraft. Der Dank dafür sei an dieser Stelle ausdrücklich ausgesprochen. Aber der Aufwand lohnt sich, denn die Meile bietet auch andere Chancen. Hier haben alle Bürger*innen die Chance, ihr Gesicht gegen Rechts zu zeigen, auch solche, die an einer Demonstration – z.B. aus Altersgründen oder weil sie kleine Kinder haben – nicht teilnehmen würden. Außerdem können die vielen Vereine, Organisationen und auch Privatinitiativen hier ihre Aktivitäten einer breiten Öffentlichkeit vorstellen, die sonst eher nur einem „Insiderkreis“ bekannt sind.

Das Motto in diesem Jahr lautet „Eine Stadt für alle“. Aufgrund der fremdenfeindlichen Übergriffe Ende des letzten Jahres hat Magdeburg nun mit einem deutlich negativeren Ruf zu kämpfen (siehe SPIEGEL und taz). Wie kann die Meile solche Täter erreichen und für ein friedliches Miteinander sensibilisieren?

Die Meile wird es nicht leisten können, Täter von ihren verbrecherischen Vorhaben abzubringen und das kann auch nicht ihre Aufgabe sein. Vielmehr ist das Ziel, durch die Meile den Tätern und allen potentiellen Tätern zu zeigen, dass ihre Handlungen von der Mehrheit der Bevölkerung dieser Stadt nicht gewollt sind und auf das schärfste verurteilt werden! Das ist das Signal, das die Meile aussendet.

Vor zwei Jahren erklärte Oberbürgermeister Lutz Trümper auf der Eröffnungskundgebung der Meile, dass die Magdeburger „die Schnauze gestrichen voll“ haben von „Neonazis“, die jedes Jahr in Magdeburg protestieren. Für viele Bürger der Stadt es unverständlich, warum die rechtsextreme „Initiative gegen das Vergessen“ seit 1998 ihren „Trauermarsch“ durchführen darf. Die Zahl der Gegendemonstrationen hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen, dementsprechend stieg auch der Polizeieinsatz massiv an. Wie sieht es dieses Jahr aus und wie geht die Stadt mit diesen Problemen um?

Die Stadt hat weder Einfluss auf den Polizeieinsatz noch auf irgendwelche möglichen anderen Demonstrationen. Die Stadt ist nicht Versammlungsbehörde. Die ist hier die Polizei.

Viele Bürger fordern ein Verbot des „Trauermarsches“; im März eröffnet das Bundesverfassungsgericht das NPD-Verbotsverfahren – was sagt uns das?

Die Versammlungsfreiheit ist ein hohes Gut unserer freiheitlich demokratischen Grundordnung. Solange die NPD nicht als Partei verboten ist, besteht keine Möglichkeit, diese Versammlungen grundsätzlich zu verbieten. Um so wichtiger ist es, dass die Bürger*innen Magdeburgs und ihre Gäste zahlreich zur Meile der Demokratie kommen und damit eine deutliche Aussage gegen rechtes Gedankengut, Fremdenfeindlichkeit und Hass und für ein friedliches Miteinander aller Menschen –nicht nur in unserer Stadt – treffen.

Rechtsextremismus ist in unserer Gesellschaft gut 70 Jahre nach Kriegsende wieder ein brisantes Thema. Was können die Stadt und das Land über die Meile der Demokratie hinaus tun, um ein friedliches Miteinander zu schaffen?

Nicht müde werden und immer wieder Aufklärungsarbeit leisten, die platten Phrasen rechter Gesinnung immer wieder enttarnen, weiter machen mit Aktionen, Projekten, Kampagnen. So wie es in der Vergangenheit auch schon erfolgreich praktiziert wurde.

Worauf freuen Sie sich bei der diesjährigen Meile am meisten? Wo trifft man Sie?

Einen speziellen Programmpunkt zu nennen, wäre ungerecht. Das ist ja gerade das Tolle an der Meile, dass es so viele verschiedene Aktionen gibt, dass jede und jeder für sich etwas finden kann. Hier ist Raum für Gedenken an die Opfer der Nazis, Information und Aufklärung wie auch für kritische Auseinandersetzung in Literatur und Musik und Spiel.

Als verantwortlicher Versammlungsleiter werde ich wohl – wie jedes Jahr – überall auf der Meile unterwegs sein. Ich freue mich Sie alle dort zu treffen.

 

Vielen Dank für das Interview.